Aufbruch

Aufbruch ...

Ohne sie anzuschauen, schob Walter seine Mutter von sich, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ließ seine Hand noch einen Augenblick auf ihrer Schulter ruhen.
„Wann bist du zurück?“, fragte sie mit tränenerstickter Stimme.
„Wird schon nicht so lange dauern.“ Er schwang sich auf das klapprige Herrenrad, das der Großvater ihm vermacht hatte und ließ es an dem steilen Berg vor seinem Elternhaus anrollen. Mit einer Hand winkte er den Eltern noch einmal zu, drehte sich jedoch nicht zu ihnen um. „Bis bald!“, rief er und murmelte dann nur für sich: „Hoffentlich.“
Mit kräftigen Tritten in die Pedale jagte er über die holprige Landstraße, grüßte im Vorbeifahren den Ecker-Bauern, der gerade mit dem Fuhrwerk vom Feld kam und ließ den Blick schweifen über die Äcker und den Wald. Der Bach glitzerte, als seien in der Nacht die Sterne vom Himmel gefallen ...

 

Am 16. August 1935 fand die Musterung für den Reichsarbeitsdienst (RAD) für meinen Großvater statt. Er war damals gerade 19 jahre alt, der jüngste Sohn der Familie und trotzdem nicht jung genug, um auf dem elterlichen Hof bleiben zu dürfen. Dass es seiner Mutter fast das Herz zerriss, muss ich wohl kaum näher erklären. Vor allem, weil seine älteren Brüder Emil, Albrecht, Ernst und Friedrich auch bereits beim RAD waren und nur sein Bruder Jakob, der als Veteran im Ersten Weltkrieg gedient hatte, aus Altersgründen nicht mehr eingezogen worden war.

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