Heute vor 75 Jahren ...

Damals: Am 08. Mai 1945

Bevor die Dunkelheit Euch wieder einhüllte, erreichte Euch die Meldung: "Alle Waffen niederlegen. Wir kapitulieren." Es war am  Abend des 08. Mai 1945 und Du lagst unweit deines Freundes Hans in einem Schützengraben. Ich stelle mir vor, wie du die MG auf den Boden geworfen hast und den Staub von deinen Kleidern klopftest. Ringsum war nichts zu hören. Von den Russen nichts zu sehen.

Drüben kroch Hans empor und lief auf dich zu. "Los, wir müssen hier weg! Jetzt!"

"Wohin denn?" Du schütteltest den Kopf ob der wirren Idee deines Kameraden.

"Wenn wir jetzt nichts an Meer kommen, sind die letzten Schiffe weg." Hans gab dir einen Schubs, wollte dich antreiben. Doch du fielst auf den Boden, musstest deine Tränen hinunterschlucken. Überlebt! All die vielen Kameraden, die du hast sterben sehen, tauchten vor deinem inneren Auge auf, die Toten von Leningrad und Cholm. Dort musstest du Schmittchen zurücklassen. Dein Schmittchen. Einen Freund.

Hans drängte erneut. Das Knattern eines Motorrades mit Beiwagen wurde lauter. Es staubte, als die Maschine näherkam. Darauf saß ein junger Kerl, vermutlich nicht einmal achtzehn Jahre alt. Hans hielt ihn an, fragte ihn, ob er Euch mitnehmen würde. Der Bursche nickte, mahnte zur Eile und Hans sprang in den Sozius. "Walter komm!" brüllte er.

Der Bursche drehte am Gas, die Maschine jaulte auf. Du versuchtest dich aufzurappeln, aber es gelang nicht. Hans griff nach deiner Hand. Der Junge gab Gas und du konntest deinem Kameraden nur noch hinterherschauen. Zum Laufen fehlte dir die Kraft – oder der Mut?

Wenig später erreichten russische Einheiten deine Stellung. Du musstest deine Waffe abgeben, wurdest geschubst, von einem Gewehrkolben getroffen. Du hast die Zähne zusammengebissen. Deine Angst hinuntergeschluckt. Statt nach Westen ging es für dich zu Fuß gen Osten, Richtung Leningrad. Dorthin, wo du schon einmal warst. Damals als Eroberer, als einer derjenigen, die die Zivilbevölkerung aushungerten, die Kinder, Frauen, alte Menschen verhungern ließen. Jetzt solltest du dort selbst den Hunger spüren ... Für mehr als vier Jahre. Doch das wusstest du noch nicht am 08. Mai 1945.

Lieber Opa, ich kann so gut verstehen, dass du nie über deine Erlebnisse sprechen wolltest. Du wusstest, dass du Menschenleben auf dem Gewissen hast und hast dir selbst vorgeworfen, das alles mitgemacht zu haben. Aus den Gesprächen mit Menschen, die dich kannten, konnte ich mir ein klares Bild von dir machen. An Tagen wie heute fühle ich mich dir besonders nah. Ich kann deine Angst spüren, deine Traurigkeit, doch nicht nach Hause zu dürfen und gleichzeitig die Erleichterung, nicht mehr schießen zu müssen. Ich frage mich nur: Warum hat dir die Kraft gefehlt, mit Hans nach Windau zu fahren und dort auf das letzte Schiff zu gelangen. Hans hat es nach Hause geschafft und er hat um dich gebangt. Genau wie Oma, die ein Kind von dir erwartete. Doch das wusstest du zu diesem Zeitpunkt auch nicht ...